Kirche auf dem Weg: Wallfahrt als Modell unseres Glaubens?


10 Jahre Aktion ECHO: "Kirche auf dem Weg"
Diskussion mit Abt Ansgar Schmidt OSB (Trier)

Aktion ECHOAnrath, im März 2001. Zum "Aufbruch aus verkrusteten Strukturen" hat die Aktion ECHO die katholische Kirche aufgerufen. Die Initiative kritischer KatholikInnen in St. Johannes Anrath fordert eine Abkehr von der "Mentalität der Glaubensverwaltung". "Zur Zeit konkurrieren zwei Kirchenbilder", so Aktion-ECHO-Sprecher Thomas Wystrach: "Kirche als monolithischer Block mit defensiver Perspektive oder Kirche als 'Volk Gottes auf dem Weg', offen für neue Erfahrungen."

"Gerade für kritische ChristInnen und nicht mehr traditionell kirchlich sozialisierte Jugendliche sind z.B. internationale Begegnungen in Taizé oder die Fußwallfahrt nach Trier wichtige Erfahrungen", so Wystrach: "Hier zeigt sich Kirche als ungewohnt offene Gemeinschaft, in der man über seinen Glauben ins Gespräch kommen kann, ohne Angst, nicht mehr 'katholisch' zu sein oder nicht ernst genommen zu werden."

Wichtig sei allerdings, Möglichkeiten zu schaffen, diese Erfahrungen auch in den Gemeinden vor Ort fortzuführen. "Dazu muß sich die Kirche von ihren undemokratischen Strukturen lösen und aufhören, die Glaubenserfahrungen der Menschen durch Denkverbote und Treueide zu gängeln", so Wystrach.

Gemeinsam mit der Aktion ECHO luden das Katholische Bildungswerk Kempen-Viersen und die Jugendpilgergruppe der St. Matthias-Bruderschaft Anrath ein zum Aktion-ECHO-Gespräch am Freitag, 30. März 2001, um 19:30 Uhr, im Anrather Pfarrheim "Josefshalle". Abt Ansgar Schmidt OSB, Benediktinerabtei St. Matthias in Trier, sprach zum Thema "Kirche auf dem Weg. Wallfahrt als Modell des Glaubens?"


Abt Ansgar Schmidt OSB, Trier:
"Kirche auf dem Weg. Wallfahrt als Modell unseres Glaubens?"
Vortrag beim Aktion ECHO - Gespräch am 30.3.2001 in Anrath

Sie haben mich eingeladen, mit Ihnen über unsere Kirche zu sprechen. Ein Gesichtspunkt ist Ihnen bei diesem Thema wichtig - Sie haben ihn gleich in der Überschrift mit dem Stichwort Weg benannt - und hoffen, dass ich dazu etwas sagen kann als einer, der immer wieder mit Pilgern und Wallfahrern zusammenkommt, der selbst auch ein wenig Wallfahrtserfahrung hat, diese Art von Unterwegssein kennt und schätzt. So jedenfalls habe ich das verstanden, als ich gefragt wurde, ob ich heute Abend kommen und zu Ihnen - mehr noch und genauer - mit Ihnen über Wallfahrt als Modell unseres Glaubens sprechen könne.

Pilger (Skulptur aus Trier)Es ist richtig, für mich gehören Glauben und Weg eng zusammen - und auf besondere Weise erfahren habe ich das immer, wenn ich als Pilger unterwegs nach St. Matthias war. Es gibt also für das Thema einen biographischen Hintergrund. Dazu möchte ich noch ein paar Worte sagen.

Seit ich selbst einmal pilgernd unterwegs war, spielt eine kleine Holzskulptur eine wichtige Rolle in meinem Leben. Ich kenne sie, seit ich in St. Matthias lebe - und das ist schon ziemlich lange. Sie stand immer irgendwo in unserem großen Haus. Es war mir bekannt, dass derselbe Künstler sie geschaffen hat, der auch im Kreuzgang nach dem Krieg die Kapitelle geschlagen hat. Hin und wieder hatte ich auch Kontakt zu ihm, und wenn ich die kleine Holzstatue sah, erinnerte sie mich vor allem an ihn.

Aus einem Stück geschnitzt stellt sie einen Pilger dar: gestützt auf einen Wanderstab hält er müde inne, sein Gesicht schaut aus in die Ferne und zugleich nach oben, mehr noch als all das kennzeichnet ihn dass er etwas von dem offenbart, was ihn zutiefst bewegt. Dem Künstler ist gelungen, gerade das darzustellen, ohne aufdringlich zu sein oder sich in die Nähe von sentimentalem Kitsch zu begeben. Er zeigt, aus welcher Mitte heraus er lebt, er gibt zu erkennen, was ihn bewegt und unterwegs sein lässt oder besser: wer ihn bewegt, ruft und unterwegs sein lässt. Ich habe sie Ihnen auch mitgebracht.

Meine Erfahrung im Gespräch über das Thema Kirche ist, dass sich bei diesem Wort zuallererst die Last der Geschichte einstellt, all das, was die Kirche in ihrer 2000jährigen Geschichte an Schuld auf sich geladen, angerichtet und versäumt hat. All das leugne und verniedliche ich nicht. Ich komme noch einmal darauf zurück. Doch für mich ist die Kirche zuallererst ein Ort, an dem Menschen ausruhen, zu sich kommen können, Trost erfahren und Stärkung.

Sie ist es für mich, weil sie von einer Gotteserfahrung spricht, von einem Gott, dessen Eigenart es ist, sich dem Menschen zuzuwenden. Sie ist nicht zuerst Institution, hierarchisch durchgestylt, sie ist zuallererst eine Gemeinschaft von Menschen, denen die Erfahrung gemeinsam ist, dass es einen Gott gibt, der Interesse am Menschen hat, ein persönliches Interesse - und zwar ohne Vorleistung. Das ist mir im Blick auf die Kirche ganz wichtig.


Was ich da in ein paar Sätzen ziemlich plakativ gesagt habe, will ich auch zu belegen suchen. Die Kirche steht hier in der langen jüdischen Tradition, in der in immer neuen Geschichten und Bildern diese Erfahrung festgehalten, geborgen und weitergegeben wird. Der Gott, der sich dem Mose am brennenden Dornbusch offenbart, spricht das aus mit den Worten:

"Gesehen habe ich, ja gesehen die Bedrückung meines Volkes, das in Ägypten ist, ihren Schrei vor seinen Treibern habe ich gehört, ja, erkannt habe ich seine Leiden. So zog ich nieder, es aus der Hand Ägyptens zu retten, es aus jedem Land heraufzubringen nach einem Land, gut und weit." Und er offenbart sich ihm als der "Ich bin da für euch." Er geht mit, er zieht vor seinem Volk her - und wohnt in ihrer Mitte - in einem Zelt, das ist die Erfahrung Israels.

In der Geschichte des großen Propheten Elija gibt es die Szene, in der er sich nach dem schrecklichen Sieg über die Baalspriester auf der Flucht vor der Rache der Königin Isebel unter einen Ginsterstrauch legt und sich den Tod wünscht: "Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben, denn ich bin nicht besser als meine Väter". Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein. Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: "Steh auf und iss!" Als er um sich blickte, sah er neben seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und einen Krug mit Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. Doch der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: "Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich". Da stand er auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb" (1 Kön 19). Gott kümmert sich, er führt ins Leben zurück. In dieser Geschichte sehe ich das Grundkonzept der Kirche vorgebildet.


Abt Ansgar Schmidt und Aktion ECHO - Sprecher Thomas Wystrach

Abt Ansgar Schmidt und Aktion ECHO - Sprecher Thomas Wystrach


Die Botschaft Jesu ist die gleiche: Gott sieht auf den Menschen, hat Erbarmen mit seiner Schuld und befreit ihn. Denken wir an das Gleichnis vom barmherzigen Vater und seinem Umgang mit seinen beiden ungleichen Söhnen. Denken wir an die Erzählung vom barmherzigen Samariter, der den halbtot am Straßenrand Liegenden sieht, sich zu ihm niederbeugt, ihm die Wunden auswäscht, und ihm das Leben rettet - erzählt nicht ohne kritisch zu erwähnen, wer ihn auch da liegen sah, wegschaut und seiner Wege geht: Priester und Levit.

Nicht nur was er in Gleichnissen erzählt, hat diesen Charakter. Auch in der Auseinandersetzung mit seinen Gegnern findet er klare Worte: "Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer. Sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen" (Mt 23,4). Er selbst weiß sich zu den Kranken gesandt, zu denen, die beladen sind und verloren, die auf der Schattenseite zu Hause sind.

Altes und Neues Testament sind voll von solchen Geschichten, die von Gott als dem sprechen, der da ist und sich kümmert, und von Bildern, die das zum Ausdruck bringen. Und die Gestalt des Petrus, die ja durchaus nicht ohne Zwielicht ist, der einen Glaubensweg gegangen ist, auf dem ihm Auseinandersetzung nicht erspart blieb, dessen Aufgabe wird nicht allein mit Worten umschrieben, die zum Jurisdiktionsprimat und zu Unfehlbarkeitsansprüchen geführt haben, sondern auch mit den Worten "Liebst du mich?" und "Stärke deine Brüder!" - das ist sein Grundauftrag - und der seiner Nachfolger bis heute.

Kirche ist die Gemeinschaft derer, die sich beschenkt wissen - nicht nur von einer vagen Hoffnung, sondern von einem Gott, der Mensch wurde, solidarisch bis in den Tod, und der denen, die ihm begegnen, ein brennendes Herz schenkt, das sie unterwegs bleiben lässt.


Abt Ansgar Schmidt und Aktion ECHO - Sprecher Thomas Wystrach

Abt Ansgar Schmidt und Aktion ECHO - Sprecher Thomas Wystrach


Manchmal denke ich, dass ich mit diesem Bild von Kirche ziemlich allein bin; denn meist wird, wo Kirche überhaupt noch ein Thema ist, über sie geklagt - in zweierlei Richtung. Da sind zum einen die, die sich allein gelassen fühlen, die mit Neuerungen und Veränderungen nicht zurechtkommen, die der Vergangenheit nachtrauern, wo alles noch so klar und in Ordnung war. Den anderen geht alles nicht weit genug, für sie spricht die Kirche eine Sprache, die niemand versteht, befasst sich mit Fragen, die niemand so hat, und gibt Antworten, die niemand hören will; sie kreist um sich selbst, statt sich um die zu kümmern, die an ihrer Tür vorübergehen, weil sie abweisend ist.

Für mich gab es ein großes Ereignis, das zugleich eine großen Einschnitt in meinem Kirchenbild markiert. Es liegt schon eine Zeit zurück, für viele von uns in einer Zeit, in der sie noch gar nicht gelebt haben. Ich meine das von Papst Johannes XXIII. einberufene 2. Vatikanische Konzil. Es hat einen Mentalitätswandel im Verständnis von Kirche bewirkt und deutlich andere Akzente gesetzt als das 19. Jahrhundert. Zwei grundlegende Texte deuten das schon in der Überschrift programmatisch an: Das Dokument über die Kirche beginnt mit den Worten "Lumen gentium - Licht der Völker" und die Konstitution über die Kirche in der Welt von heute ist überschrieben mit "Gaudium et spes - Freude und Hoffnung". "Beide Formulierungen sind Signale, sie wenden den Blick der Kirche von sich selbst ab, richten ihn auf Christus und schicken die Kirche dann in den Dienst an der Welt."

Lassen Sie mich einen längeren Abschnitt aus LG zitieren: "Christus der Herr ... hat das neue Volk zum Königreich und zu Priestern für Gott und seinen Vater gemacht. Durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen Geist werden die Getauften zu einem geistigen Bau und einem heiligen Priestertum geweiht, damit sie in allen Werken eines christlichen Menschen geistige Opfer darbringen und die Machttaten dessen verkünden, der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat ... überall auf Erden sollen sie für Christus Zeugnis geben und allen, die es fordern, Rechenschaft ablegen von der Hoffnung auf das ewige Leben, das in ihnen ist."

In dieser Kirche sind die Getauften in ihrer Würde wahrgenommen und in ihrem Auftrag. Und diese Kirche wird nicht statisch gesehen, sondern in dem Bild vom pilgernden Gottesvolk, die Kirche ist pilgernde Kirche, ist unterwegs. Sie ist die Gemeinde, die von Christus redet, ihn bezeugt, sein Leben weiter trägt, damit allen Menschen - welcher Rasse und Geschichte auch immer - "durch den Anspruch und den Zuspruch Gottes das Leben gelingt."

Wenn sie unterwegs ist, wird sie immer durch die Gewitter und Stürme der jeweiligen Zeit pilgern müssen. Und da gibt es in ihr Progressive und Konservative: solche, die die Kirche verändern wollen, und solche, die das Alte festhalten wollen - und zwischen den beiden Meinungsgruppen kommt es oft zu unschönen Spannungen und Konflikten. Das ist auch heute nicht zu übersehen.

Auf ihrem Weg durch die Zeit kann die Kirche auch Wahrheiten vergessen, sei es, dass sie falsche Akzente setzt, sei es, dass sie sich dem Zeitgeist unbedacht anpasst, sei es, dass sie nicht wagt, unliebsame Wahrheiten den Mächtigen zu sagen. Auch durch Schweigen kann die Kirche die Botschaft Jesu verraten. Sie ist und bleibt eine menschliche Kirche, auch in Zukunft wird sie eine Kirche der Sünder bleiben - keiner hat das so klar ausgedrückt wie Papst Johannes Paul II. in seiner Vergebungsbitte.

Herausforderungen, an denen das deutlich wird:

Was gilt es heute zu tun? Zu widerstehen - in erster Linie der Unzufriedenheit, sich nicht allgemeinen Jammern anschließen oder dem Frust verfallen. Den Weg in die Zukunft kennt keiner mit Sicherheit; er wächst aus dem Dialog und den Kompromissen zwischen den Meinungsgruppen. Es gilt zu widerstehen der Klimavergiftung und Ungeduld. Es gilt zu widerstehen dem Traum von der "kleinen Herde": statt Clique: Kerngruppe, die sich nicht verschließt, sondern missionarisch wirkt. Es gilt zu widerstehen einer Tendenz zu restaurativer Reaktion, damit nicht aller Elan und alle Orientierung aus der Zeit des Aufbruchs verloren geht.

Was gilt es heute zu tun? Dabei zu bleiben, statt sich trennen. Es mag viele Gründe geben, sich zu trennen, doch Kirche lässt sich nur von innen heraus verändern, nicht von außen. Wer einen Neuaufbruch miterleben und mitverantworten will, kann dies nur gelassen und gefasst innerhalb der Kirche tun.


Kirchenträume:

Träume sind Tagesreste; deshalb kann nur jener Christ wirklich von Kirche träumen, der seine Erfahrungen mit der Kirche und in ihr über viele Jahre hinweg gesammelt hat - Erfahrungen mit dem kirchlichen Amt und mit vielen Laien, mit den Hauptamtlichen und den Ehrenamtlichen, mit vielen einzelnen und mit den Bewegungen. Auf dem Hintergrund solcher Erfahrungen wachsen Träume:

Ich träume von einer Kirche,
die nicht immer auf die Antworten aus Rom wartet,
sondern sich auf den schöpferischen Geist verlässt,
der allen Christen, Männern und Frauen gegeben ist.

Ich träume von einer Kirche,
die die Gleichheit aller Christen durchsetzt,
die Würde der Frau sichtbar macht
und endlich allen Klerikalismus überwindet.

Ich träume von einer Kirche,
in der man nicht in Rom Bischöfe ernennt,
die das Volk Gottes nicht annimmt
und die am Ende weder der Wahrheit noch der Einheit dienen.

Ich träume von einer Kirche,
die sich von den Menschen in Pflicht nehmen lässt:
von den Armen und Kranken, von den Flüchtlingen,
von den wiederverheirateten Geschiedenen,
von den ungeborenen Kindern,
von den Hungernden in der weiten Welt,
von der nach Sinn verlangenden Jugend.

Ich träume von einer Kirche,
die in der Verkündigung und in der Feier der Liturgie
eine Sprache spricht, die zumal die jungen Menschen verstehen.

Ich träume von einer Kirche,
die aus der Kraft des Heiligen Geistes die Spannungen aushält,
die Konflikte bearbeitet und mit allen gemeinsam
einen Weg der Liebe sucht und sich weisen lässt.

Ich träume von einer Kirche,
die Hoffnung hat für die Welt und für einen jeden Menschen,
weil sie den in ihrer Mitte hat, der alle Hoffnung begründet.

Ich träume von einer Kirche,
die mich an Ende meines Lebens begleitet
und mir in meinen letzten Atemzug hineinruft:
"Du wirst ewig leben."


Weiterführende und diesem Vortrag ohne ausdrückliche Kennzeichnung der Zitate zugrunde liegende und empfohlene Texte:


Text als PDF-Datei

Dieser Text als PDF-Datei zum Download
(zum Lesen wird der Acrobat Reader benötigt)


E-Mail an WebmasterE-Mail an Webmaster: Thomas Wystrach

<== zurück zur Startseite