Trier als Pilgerstadt im Mittelalter

3. Januar 2006 Thomas Wystrach BuchtippTexte

Die Verehrung des Heiligen Matthias hat im Rheinland tiefe Spuren hinterlassen und sie erfährt heutzutage durch die Fernpilgerfahrt zum Grab des Apostels Jakobus des Älteren in Santiago de Compostela wieder neuen Auftrieb. Denn auch in Trier machten und machen heute wieder Jakobspilger Station. Trier war nicht nur selbst ein berühmter Wallfahrtsort, sondern auch Durchgangsstation für die Pilger von und nach Santiago de Compostela. Zudem bestand von hier aus noch die Möglichkeit, einen Abstecher nach Echternach zu machen, das ebenfalls eine bedeutende Wallfahrtsstätte des Mittelalters war. Die Stadt ist daher ein Anziehungspunkt für Pilger auf deutschsprachigem Gebiet gewesen.

Fern- und Mehrfachwallfahrten nach Aachen, Köln und Trier

Die Schau von Reliquien in Aachen, Köln und Trier war im Mittelalter der Anlass zu riesigen Wallfahrten, die Gläubige bis von Ungarn her anzogen. In so großen reise- und schaulustigen Massen drängten die Menschen in diese Städte, so dass mancher unter freiem Himmel schlafen musste. In Aachen wurden die Pilger mit den gezeigten Heiligtümern (Berührungsreliquien) an Christi Menschwerdung, an sein öffentliches Wirken und an seinen Erlösungstod erinnert (Marienverehrung: Schrein mit Kleid Mariens aus der hl. Nacht und Windeln; Enthauptungstuch Johannes des Täufers, Lendentuch des Gekreuzigten).

Periodisch im 7-Jahresrhythmus fanden im späten Mittelalter Fernwallfahrten (Heiligtumsfahrten) der Pilger aus Ungarn, Böhmen und Mähren sowie Österreich nach Aachen statt (Ungarnkapelle am Dom). 1514 erfolgte dazu eine Anbindung der Zeigung des Heiligen Rocks in Trier an diesen Turnus. Die von diesen Ungarn-Pilgern begangenen Wege führten entweder auf dem Hinweg von Andernach über Trier oder auf der Krönungsstraße über Sinzig und Düren (Haupt der hl. Anna) nach Aachen.

Eine Variante nahm den Weg rheinaufwärts über Köln (Gebeine der Heiligen Drei Könige) nach Aachen. Ihren Rückweg von Aachen über Trier konnten die Pilger durch die Eifel über Röttgen nehmen, wo ein Gasthaus und eine Straße noch heute den Namen „Pilgerborn“ (Pilgerquelle) tragen, Kalterherberg, Prüm (zwei Hospitäler), Bitburg und Helenenberg (Hospitäler). Von dort konnten sie mit dem Schiff moselabwärts ihren Weg in die Heimat fortsetzen. Zwar sind entlang dieser Wege von der so genannten Ungarnwallfahrt keine wesentlichen siedlungsfördernden Impulse ausgegangen, aber der Wegverlauf hat sich im Laufe der Jahrhunderte verfestigt und könnte daher auch von anderen Pilgern benutzt worden sein (z.B. von Andernach, Mayen nach Trier) oder in bestimmten Abschnitten mit deren Routen übereingestimmt haben (z.B. von Prüm nach Trier).

Matthiaspilger

Die in Bruderschaften organisierten Pilger der St. Matthias-Wallfahrt nach Trier hielten mit großer Zähigkeit an ihren althergebrachten Wegen aus dem Rheinland durch die Eifel fest. Aus dem Norden von Mönchengladbach kamen sie größtenteils auf den Römerstraßen über Düren, Zülpich, Blankenheim, Büdesheim, Bitburg und Helenenberg nach Trier gezogen. Andere Gruppen aus der Neuss-Krefelder Gegend benutzen den Weg durch das Ahrtal bis nach Adenau und erreichten Trier über das Kloster Klausen, wo sie mit Pilgern, die auf anderen Wegen gezogen kamen, zusammentreffen konnten. Zwischen Bitburg und Trier kam als Unterkunft das Kloster Helenenberg in Betracht, das früher nur „Hospital“ genannt wurde und in einem Reisebericht des 16. Jh. als Pilgerunterkunft erwähnt wird. Es diente nicht nur den Matthias-Pilgern zur Herberge, sondern wurde auch von den Pilgern der Ungarnwallfahrten auf dem Rückweg von Aachen nach Trier aufgesucht.

Abtei St. Matthias

Gegen Ende des 14. Jh. wird die Wallfahrt zu St. Matthias in Trier zu den 7 rheinischen Hauptwallfahrtsorten neben Köln, Aachen und Düsseldorf gezählt. Die Abteikirche mit ihren Apostelreliquien und ersten Bischofsgräbern war das Hauptziel der Pilger im Mittelalter. Papst Eugen III. weihte am 11. Januar 1148 anlässlich seines Aufenthaltes in der Abtei St. Matthias einen in der Mitte der Kirche stehenden Altar zu Ehren des hl. Kreuzes und der hl. Apostel Matthias und Jakobus.

Nach antiker Sitte lagen die Begräbnisplätze außerhalb der Stadt entlang der großen Fernstraßen vor dem Nord- bzw. Südtor. Die ersten Glaubensboten des Mosellandes ließen sich bei der Kirche von St. Matthias inmitten eines römischen Gräberfeldes im Süden der Stadt unmittelbar an der Römerstraße in Richtung Metz und Marseille nieder. Albana, eine vornehme Senatoren Witwe gewährte ihnen nach der Überlieferung großzügige Gastfreundschaft, indem sie ihnen ihr Haus als Wohnstatt und Kirche zur Verfügung stellte. Daraus entstand die erste, dem hl. Johannes geweihte Kirche. Von hier aus verkündeten sie den Glauben unter den noch stark dem Heidentum anhängenden Menschen.

Auf dem Friedhof nördlich der Abteikirche hat man in der Umgebung der Quirinus-Kapelle mehrere unterirdische Grabkammern aus dem 3.- 4. Jahrhundert freigelegt. Der Raum, der sich direkt unter der achteckigen Kapelle befindet und mit einem Tonnengewölbe und einer Apsis versehen ist, war die ursprüngliche Gruft des hl. Eucharius, des ersten Bischofs von Trier. Die Kapelle musste wegen der großen Zahl der herbeiströmenden Pilger bald erweitert werden. Bischof Cyrillus ließ um 450 neben der „Cella Eucharii“ eine größere Kirche erbauen und dorthin die Gebeine seiner Vorgänger Eucharius und Valerius überführen. Er bestellte Mönche, die in ihrer Nähe als Einsiedler leben und das Heiligtum behüten sollten.

An der Stelle der erwähnten Grabkammer unter der St. Quirinus-Kapelle befand sich sehr wahrscheinlich ein noch älteres Heiligtum, das den drei Muttergottheiten (Matronen) und der Diana geweiht war. Auch an anderen Stellen der Eifel sind drei heidnische weibliche Gottheiten durch christliche verdrängt worden. In diesem Fall sind aber die drei weiblichen Gottheiten durch die drei männlichen Glaubensboten Eucharius, Valerius und Maternus, von dem später noch die Rede sein wird, ersetzt wurden. Diana ist wohl dem Soldatenheiligen St. Quirinus gewichen. Somit hat hier wohl auch ein Austausch des matriarchalischen gegen einen patriarchalischen Kult stattgefunden. Unter den Pilgern war es alte Sitte, Steine auf diesen Dianatorso zu werfen, wahrscheinlich um auf diese Weise seine Verachtung für das Heidentum zu demonstrieren.

Alles spricht also dafür, dass schon sehr früh Pilger diesen Ort aufgesucht haben und die Tradition der Verehrung der Heiligen Eucharius, Valerius und Matthias nie abgerissen ist. Nach der Wiederentdeckung des Matthiasgrabes nahmen die Pilgerscharen enorm zu, bis die Verehrung des hl. Bischofs Eucharius immer mehr in den Hintergrund trat und das Kloster schließlich sogar den Namen des Apostels Matthias annahm. Die Verehrung der Bischofsgräber in der Krypta ist aber nie ganz abgerissen.

Das Grab des Apostels Matthias

Wege der JakobspilgerNachdem die heilige Zwölfzahl der Apostel (wahrscheinlich nach dem Vorbild der zwölf Stämme Juda) durch den Verrat des Judas Ischariot zerstört worden war, traten nach der Himmelfahrt Christi die Apostel zusammen und bestimmten Matthias als Ersatzmann für den Verräter durch das Los. In der Apostelgeschichte wird dazu berichtet, dass Petrus, nachdem er ihnen das traurige Ende des Judas, der sich selbst richtete, geschildert hatte, sagte: „Das muss nun einer von den Männern sein, die mit uns gewesen sind in all der Zeit, in der Herr Jesus bei uns aus- und einging, und zwar von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tage, an dem er aufgenommen wurde. Mit uns soll er Zeuge von seiner Auferstehung werden“ (Apg. 1, 21). Zwischen zwei Kandidaten, Barnabas mit dem Beinamen „der Gerechte“ und Matthias musste entschieden werden. Das Los fiel auf Matthias. Die Wahl dieses neuen Apostels wird als erste Handlung des Petrus als Führer der Jünger angesehen. Über das Wirken und den Tod des hl. Matthias (nicht zu verwechseln mit dem hl. Evangelisten Matthäus) ist nichts sicheres bekannt. Er soll zuerst in Judäa, später in Makedonien in Nordgriechenland und in Äthiopien das Evangelium verkündet haben. Um das Jahr 63, so nimmt man an, hat er den Märtyrertod durch Steinigung und Enthauptung durch das Beil erlitten. Er wird daher mit den Attributen Buch, Schwert, Beil und Steinen dargestellt und ist Schutzheiliger der Bauhandwerker und Zimmerleute.

Text mit freundlicher Genehmigung entnommen aus:
Dr. Walter Töpner: Wege der Jakobspilger,
Band 2: Rheinland, Eifel, Lothringen, Burgund
236 Seiten, Paulinus Verlag Trier, ²2005

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