Menschen auf dem Weg

29. Dezember 2016 Thomas Wystrach Texte

Die ersten schriftlichen Unterlagen zu der in unserer Pfarrgemeinde gepflegten Wallfahrt finden wir in einem Büchlein, genannt »Andachtsübungen bei einer achttägigen Pilgerfahrt, welche zur Verehrung des Heiligen Apostels Matthias und dessen zu Trier aufbehaltenen Hl. Reliquien aus der Pfarrkirche der Gemeinde Anrath, im Niederstift Cöln, alle Jahr auf den ersten Freitag nach Christi Himmelfahrt ausgeführet wird«, welches aus dem Jahr 1731 oder 1751 vorliegt.

Im Jahre 1787 »überschickte die Bruderschaft durch ihre Vorsteher eine demütige Bittschrift an den regierenden Papst Pius VI.«, innerhalb der Kirchengemeinde St. Johannes eine neue Bruderschaft errichten zu dürfen, was dieser am 5. Juni 1787 gestattete. Erneuert wurde dieses Dekret am 16. April 1850 durch Pius IX., der Anrather Bruderschaft verkündet am 27. Mai desselben Jahres von der Erzbischöflichen Behörde zu Köln.

Aus dieser Zeit liegen auch die Weg- und Zeitangaben für die beiden »vorgeschriebenen« Routen vor, die jeweils am »ersten Freitag nach Christi Himmelfahrt« zu beginnen hatten. Eine Wegstrecke führte über »Cöln« mit 48 ½ Gehstunden, die andere über »Gladbach« mit 38 ½ Stunden Fußmarsch, wobei für uns auch die Schreibung der verschiedenen Ortsnamen von Interesse sein dürfte.

Ebenfalls interessant ist, daß die Anliegen der Wallfahrt sich im Laufe der Zeit doch erheblich geändert haben. So finden wir, auch noch in dem von Pfarrer Hack unterzeichneten Pilgerbüchlein, erst recht aber in den älteren Anleitungen, nicht nur den Hinweis, wie die Lebenshaltung der Bruderschaftsmitglieder genau zu sein hat, hier wird auch noch vom »Ablaß« gesprochen, wenn auch nur noch in Form von strengen Gebets- und Verhaltensvorschriften, welche auf Lebenszeit reglementiert waren, dem Brüder und Schwestern sich zu unterstellen, wie auch Bußen und Selbstkasteiungen auf sich zu nehmen hatten.

Am 10. April 1931 errichtet Papst Pius XI. mittels Dekret die »Erzbruderschaft des Hl. Apostels Matthias in Trier«, als Gemeinschaft von Laien und Priestern, die sich den Hl. Matthias zum Vorbild und Schutzpatron gewählt haben und als »Menschen, unterwegs zu Gott«, als »pilgerndes Gottesvolk des Neuen Bundes in Christi Namen« verstehen, als solche leben wollen. Mitglieder der Bruderschaft müssen das 14. Lebensjahr erreicht haben und alle statutenmäßige Bedingungen erfüllen. Im Unterschied zum Ablaßdenken beten die Pilger nun für gemeinsame Anliegen und suchen einander zu unterstützen und im Glauben zu stärken.

Bis zum 2. Weltkrieg, seit 1731, zogen Fußpilger von Anrath nach Trier, wo der Legende nach das Grab des heiligen Matthias sein soll. Nachzuweisen sind jedoch im Dom die Gräber des 1. Bischofs von Trier, Eucharius – nur der Legende nach ein Schüler des Apostels Petrus – der in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts in Trier wirkte. Hinzuweisen ist auch auf die beiden Nachfolger von Bischof Eucharius, Valerius und Maternus, welche auch noch in der Zeit lebten, da Christentum sich im Untergrund wirkend beweisen mußte.

Nach wechselvollem Schicksal der immer wieder aufblühenden und als geistliches, geistiges und wirtschaftliches Zentrum oft umkämpften und verwüsteten Stadt Trier entstand dann Ende des 7. Jahrhunderts an den Gräbern der Hl. Eucharius und Maximinus Benediktinerklöster (wie auch St. Marien und St. Martin), aber auch die Gründung des ersten Frauenklosters und eines Stiftes für adelige Damen in Trier fällt in diese Zeit. 882 verwüsteten die Normannen Trier völlig und nur langsam wird, unter Leitung von Bischöfen, die Stadt wieder aufgebaut.

Nachdem 1049 Papst Leo IX. Trier als erster Papst besucht hatte, weilte Papst Eugen III. 1147/48 zwölf Wochen als Gast des Erzbischofs Albero in der Stadt und weihte u.a. die Kirche der heutigen Abtei St. Matthias, die auf dem weitgehend bewahrten Grundriß der nach 1127 erbauten Euchariuskirche errichtet worden war, am 13. Januar 1148 ein.

Während des 2. Weltkrieges waren Wallfahrten kaum möglich, wenn man von Einzelgängern absieht, welche Anliegen ihrer Mitmenschen gegen Entgelt – um leben und unterkommen zu können – betend mit sich trugen. Trotz aller Schwierigkeiten hatte sich die Bruderschaft nie aufgelöst. Als besonders begeisterter und begeisternder Pilger, zeitweise auch als Brudermeister, genannt wurde u.a. Herr Franz Grefertz.

Seit 1965 gab es wieder Bus-Wallfahrten. Zu dieser Zeit, von 1957 an, ist Herr Heinrich Teschen von der Giesgesheide, von allen Mitschwestern und –brüdern besonders geschätzt und verehrt, für 30 Jahre Brudermeister, der die Anrather St. Matthias-Bruderschaft vorbildlich und gewissenhaft leitet und deren Haltung und Zielsetzung mitprägt.

Aus den seit dem Jahr 1934 noch in Anrath vorliegenden Büchern und Protokollen der Bruderschaft lässt sich fast lückenlos der Vorstand, der immer aus drei Personen bestand und der jeweilige – mit den meisten Stimmen gewählte – Brudermeister feststellen; diese sind hier aufgeführt:

  • 1934 Pierkes, Jakob
  • 1935 Ingmanns, Ferdinand
  • 1936 Nobis, Heinrich
  • 1937 Uellertz, Johannes
  • 1938 Franken, Johannes
  • 1939 Nobis, Heinrich
  • 1940 Fiethen, Carl
  • 1941 Hegger, Wilhelm
  • 1942 Nobis, Heinrich
  • 1943 Fiethen, Carl
  • 1944 Hegger, Wilhelm
  • 1945 (es fand keine Wahl statt)
  • 1946 Fiethen, Carl
  • 1947 Hegger, Wilhelm
  • 1948 Nobis, Heinrich
  • 1949 Fiethen, Carl
  • 1950 Grefertz, Franz
  • 1951 Nobis, Heinrich
  • 1952 Ingmanns, Ferdinand
  • 1953 Grefertz, Franz
  • 1954 Nobis, Heinrich
  • 1955 Ingmanns, Ferdinand
  • 1956 Grefertz, Franz
  • 1957 Pasch, Jakob
  • 1958 Teschen, Heinrich
  • 1959 Grefertz, Franz
  • 1960 Pasch, Jakob
  • 1961 Teschen, Heinrich
  • 1962 (?)
  • 1963 ff. Teschen, Heinrich

Im Jahr 1977 wurde Barthel Thees in den Vorstand, 1987 zum Brudermeister der Anrather Bruderschaft gewählt.

Vor jetzt genau 25 Jahren tagte das 2. Vatikanische Konzil, Denkanstöße überall im kirchlichen Leben auslösend, vielleicht ein Impuls, daß aus St. Johannes Anrath eine der wenigen Jugendwallfahrergruppen nach Trier pilgert. Dies geschieht kontinuierlich seit 1980. Die Zahl der Teilnehmer war z.B. im Mai 1991 35.

Aus Zeitgründen (Schüler z.B. würden zuviel Unterricht versäumen, wenn sie mehrere Tage freinähmen) wird bis Jünkerath in der Eifel gefahren und von dort das Ziel in drei Tagesetappen von je ca. 40 km erwandert. Der Weg verläuft von Jünkerath über Büdesheim zur ersten, sehr einfachen Übernachtung (Luftmatratze und Schlafsäcke) in Densborn, von dort über Badem nach Auw (Nächtigung) und weiter über Kordel nach Trier (3. Nacht im Abteikeller).

Sehr beeindruckend ist schon der Empfang der aus allen Richtungen kommenden Pilgergruppen im Freihof der markanten Abtei St. Matthias. Der Höhepunkt ist am Sonntag die gemeinsame Pilgermesse mit dem Abt und oft anwesenden geistlichen Würdenträgern, die alle »Fußpilger« auf den Altarstufen mitfeiern dürfen. Jeder Erstpilger erhält eine Plakette zur Erinnerung an diese denkwürdige Stunde. Die Erneuerung des Pilgerversprechens, Ehrung von Jubilaren und Erstpilgern, die Bitte um Fürsprache sowie dessen Verehrung am Schrein des heiligen Matthias und der gemeinsame Auszug auf den Freihof der Basilika bilden einen würdigen Abschluß der Feier.

Im Jahr 1989, anläßlich des Geburtstages unseres Kaplans Roland Bohnen, beschlossen 5 Jugendliche, wieder den gesamten Weg zu Fuß nach Trier zu gehen. So starteten am 1. Mai 1989 die Jugendlichen Iris Rückert, Martin Düker, Heinrich Thees und Michael Zeidler mit dem 1987 gewählten Brudermeister Bartl Thees an der Anrather Kirche, um am Christi-Himmelfahrtstag dann mit der Gruppe der Anrather Jungpilger in Jünkerath zusammenzutreffen und gemeinsam die „restlichen“ 120 km zu „peljere“.

Auch 1990 schafften es einige junge Menschen, die ganze Woche freizubekommen, so daß in diesem Jahr an der Anrather Kirche Hiltrud Fothen, Martin Düker, Gregor Hügens, Harald Hüller (unser Pastoralassistent), Herbert Welter und Michael Zeidler, der diesmal die ganze Wallfahrt organisierte und leitete, loszogen. Wieder trafen am Donnerstag alle Pilger in Jünkerath zusammen und kamen Samstag gut in der Basilika an, glücklich, den langen und anstrengenden Weg geschafft, das Ziel gemeinsam erreicht zu haben.

Im Herbst des gleichen Jahres, in den Oktoberferien 1990, zum letzten Pilgersonntag und dem Ende der Pilgersaison in Trier, ging nochmals eine kleine Fußgruppe Erwachsener von Anrath die ca. 240 km zum heiligen Matthias; es waren dies Gertrud Thees, Bartl Thees und Gerhard Zeidler. 1991 sind 25 Jugendliche und Erwachsenen in den Herbstferien zu Fuß nach Trier gepilgert. Abschließend möchte ich Wort des derzeitigen Abts von St. Eucharius – St. Matthias, Ansgar Schmidt OSB, anfügen, die vielleicht verständlich machen können, warum Jugendliche, auf der Suche nach Sinn im Leben, diesen Weg wählen, gehen:

»Wer sich im rechten Geist auf den Weg macht, wird dabei verändert. Er wird empfänglicher für die Gaben Gottes, er wird offener für die Menschen, die mit ihm gehen oder ihm begegnen. Er gewinnt neue Zuversicht für sein Leben; er erfährt sich von Gott auf diesen neuen Weg geführt und in seiner Hand geborgen.«

B.Th./W.W.

Aus einem alten Trier-Pilgerbuch

Über die Pilgerreise nach Trier des Jahres 1892 vom 26. Mai bis 4. Juni

Da von Vorst sich kein Pilger einfand, mußten wir Anrather die Reise allein antreten, und zwar mit nur sieben Pilgern. Der erste Tag verlief in gewohnter Weise mit der Ausnahme, daß wir nachmittags statt im Hohlwege rasteten hinter Elfgen 1/4 Std., gegen unsere Gewohnheit schon in Elfgen Rast machten und einige Glas Bier tranken, denn es war sehr heiß. Da die Kirche in Bendorf restauriert wurde, konnten wir Freitag (2ter Tag) keine Hl. Messe hören und kamen glücklich bis Hochkirch 11 Uhr. Da stieg die Hitze auf 26 Grad; wir blieben deshalb bis 3 Uhr daselbst liegen und marschierten dann weiter, es war aber fast nicht zum Aushalten, kamen aber doch in unser gewohntes Nachtquartier an, doch erst nach 9 Uhr. Da es am anderen Morgen anfing, wieder so heiß zu werden, wurde beschlossen, am anderen Tage zu fahren. Wir machten doch einen Abstecher nach dem hochgelegenen Steinfeld, kleines Dorf, schöne große Kirche mit dem Sarkophag des Hl. Herm. Joseph. Das frühere Kloster jetzt Besserungs-Anstalt hielt 360 Zöglinge. Von dort auf Umwegen, weil wir keinen richtigen Weg wußten, nach Marmagen. Dahin verliefen wir uns 1 1/2 Std. Martin Schmitter wollte den Weg besser wissen, doch kam er noch eine Viertelstunde später an. In Marmagen blieben wir bei 23 Grad Hitze bis 5 Uhr und gingen dann nur bis Schmidtheim statt bis Auel (4 Std. weiter). Am anderen Morgen (Sonntag) gingen wir daselbst in zwei Messen, zogen dann um 10 Uhr mit 5 Mann aus und gingen 3 Std. bis Bissendorf, kamen dort mit den beiden Zurückgebliebenen in Schmidtheim in Bissendorf 2.51 Uhr im Zuge zusammen und fuhren bis Endorf eine Stunde von Bitburg, welche wir zu Fuß zurücklegen mußten, kamen dort um 7 Uhr an. Von dort ging es am anderen Morgen auf dem gewohnten Wege nach Trier, wo wir um 3 Uhr anlangten.

In Trier verlief die Zeit in gewohnter Weise und wir traten am anderen Morgen um 1/2 12 Uhr die Rückreise an. Vor Bitburg überraschte uns ein schweres Gewitter und mußten fast eine Stunde im Regen aushalten. Am folgenden Tage gings ziemlich gut, nur langten wir auf verkehrtem Wege in Bissendorf an. In Feinsdorf, wo Nachtruhe, gingen wir Donnerstagmorgen in die Hl. Messe statt wie sonst in Esch. Dann ging es gut bis andern Tags Hochkirch. Als wir dort ausgingen, schlugen wir einen verkehrten Weg ein und kamen an das Gehöft Ollesheim aus, wodurch wir 3/4 Std. umgingen und gelangten abends erst um 9 Uhr in Königshoven an. Samstag gelangten wir ohne Besonderes um 1/2 6 Uhr in der Donk an, wo wir abgeholt wurden.

Noch zu bemerken, daß Joh. Rams in Korschenbroich uns verließ und direkt, doch über Anrath nach Kempen ging und von dort per Bahn nach Kevelaer fuhr.

Die Namen der Pilger sind:

  • Joh. Rams zum 15. Male zu Fuß
  • Uwe Jöcken zum 15. Male nach Trier
  • Wilh. Birkmanns zum 3. Male nach Trier
  • Mart. Schmitter zum 3. Male nach Trier
  • Joh. Grefertz zum 1. Male nach Trier
  • Hch. Hammes zum 1. Male nach Trier
  • Frz. Leven zum 4. Male nach Trier

Anrath, den 29. Juni 1892

Den 7ten Juni starb Sophie Brockmanns, welche die Pilgerreise nach Trier 15 Mal mitgemacht hatte.

Franz Leven

(Aus einem früheren Bericht: »In Trier … um 5 Uhr Hochamt – dann wurde Kaffee getrunken – danach feierlich mit der Kerze zur Matthiaskirche gezogen. Um 11 Uhr wurde ausgezogen …«)


Über die Ausgaben des Jahres 1892 finden sich folgende Angaben:

Opfergeld 2,10 Messe
0,10
0,10

2 Messen besondere Anliegen
2 Messen für Verstorbene
1 Messe zum Hl. Joseph

Gelder der Matthias-Bruderschaft

Ausgegeben:
für Kerze: 22,80
für Hochamt: 6,00
Salair: 4,70
—————
33,50

erhalten 35,40 Mrk.
ab 33,50
zurück 1,90

Es gab in früherer Zeit sehr viele Wallfahrtsorte auch am Niederrhein, zu denen sich Anrather auf den Weg machten. Mit der Zeit schälten sich aber besondere Ziele heraus. Da ist vor allem Kevelaer zu nennen, dann Roermond (hier gab es eine Fußwallfahrt), des weiteren blieb die Wallfahrt nach Orsbeck bestehen. Besonders zu erwähnen ist aber die Wallfahrt nach Trier, die die Matthias-Bruderschaft seit vielen Jahren durchführte und auch jetzt wieder durchführt.

Ein Wallfahrtsbuch aus den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gibt Auskunft über Weg und Teilnehmer und über Opfer und Spenden. Wir veröffentlichen die Aufzeichnungen aus dem Jahr 1892. In diesem Jahr beschloß die kleine Pilgergemeinschaft, für das Jahr 1893 auch eine Teilnahme an der Echternacher Springprozession vorzusehen. Tatsächlich wird dann im Jahr 1893 von der weiteren Wallfahrt nach Echternach und der Teilnahme an der Springprozession berichtet.

(Mit freundlicher Genehmigung des Bürgerverein Anrath e. V. entnommen aus:
»Anrather Heimatbuch 1992«, S. 103-109, Autorin: Waltraud Welter †)

SMBWallfahrt


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