Beten mit den Füßen

28. Dezember 2016 Thomas Wystrach Sonstiges

Rund 70 Anrather Frauen und Männer, Jugendliche und jung Gebliebene entscheiden sich Jahr für Jahr zur Pflege einer Tradition, die weitaus älter ist als die Pfarrkirche St. Johannes im Zentrum. Sie pilgern in der Woche rund um Christi Himmelfahrt nach Trier – dahin, wo der Heilige Rock verehrt wird. Die Anrather pilgern aber zum Grab des Heiligen Apostels Matthias – sieben Tage lang – 240 Kilometer auf Schusters Rappen. So wie ihre Vorfahren seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Die erste Überraschung für denjenigen, der sich noch an Wallfahrten erinnern kann, die in den 60-er Jahren noch ganz selbstverständlich angeboten und angenommen wurden; an Anrather Pilgerfahrten nach Kevelaer, Orsbeck, Neviges oder Roermond (oft ergänzt mit Pilgern, die »Schelges Bus« nutzten): Die heutige Trier-Wallfahrt ist Anfang der 80er Jahre von jungen Frauen und Männern aus dem Dornröschen-Schlaf erweckt worden. 

Die Geschichte der St.-Matthias-Bruderschaft (SMB) hat ihr Schriftführer, Verlagskaufmann Thomas Wystrach in Artikeln und in einer kleinen Broschüre ans Tageslicht geholt; sie reicht zurück bis ins Jahr 1734. Das Pilgern war aber in den späten 50er und frühen 60er Jahren nach und nach »eingeschlafen«. Wer die Tradition „wachgeküsst“ hat, ist nicht genau überliefert. Fakt ist, dass eine kleine Gruppe von heute 40-bis 50-Jährigen, meist ehemalige Mitglieder der katholischen Pfarrjugend Anraths, die damals das »Beten mit den Füßen« für sich entdeckt hat. Zu diesen »Prinzen« zählten – wie Thomas Wystrach weiß – u.a. Helmut Riedler und Thomas Hammes; sie wollten an die alte Pilger-Tradition anknüpfen.

Mit den »Prinzen« pilgerte auch Bartholomäus Thees – zum ersten Mal 1983; er hatte nach dem Neuanfang die Aufgaben des Brudermeisters übernommen und sie nach etlichen Jahren Margret Zeidler übergeben. Inzwischen ist Johannes Thees, Bartholomäus’ Sohn, schon acht Jahre Brudermeister; 33 Mal ist er inzwischen nach Trier gepilgert – 1984 zum ersten Mal. Da war der SMB gerade mal seit gut drei Jahren »wiederbelebt« worden. Ein wenig Stolz klingt im Gespräch mit Johannes Thees an, wenn er berichtet, dass seine Tochter Carina (20) inzwischen zu dem halben Dutzend junger Leute zählt, die die Wallfahrt inhaltlich – mit Liedern und Gebeten – vorbereiten. Diese intern auch »Dream-Team« genannten jungen Erwachsenen organisieren auch Quartier und Mittagsverpflegung. Dass die Jugend die Wallfahrt inhaltlich zu ihrer Sache macht, sei der ausdrückliche Wille der Älteren; nur so könne die Bruderschaft ihre Zukunft sichern, betont Thees. Beim Abschlussgottesdienst in Trier, am jeweils achten Tag der Reise, würden die Anrather richtig auffallen, weil ihre Gruppe augenscheinlich die jüngste unter all den Pilgern ist, die am Sonntag nach Himmelfahrt zum Grab des Apostels kommen.

Johannes Thees, ehemals Gärtner und Hausmeister bei den »Grauen Schwestern« in Haus Broich und heute erfolgreicher Kräuter- und Tomaten-Bauer auf den »Beckers Höfen« – dem Landstrich zwischen Anrath und Neersen, vergleicht »seine« Bruderschaft mit einem Verein, der jedes Jahr die Wallfahrt von rund 70 bis 80 Frauen und Männer nach Trier möglich macht: »Wir organisieren uns im Grunde selbst«, sagt er: »Wir haben auch keinen eigens bestallten Geistlichen, der uns und unserer Bruderschaft vorsteht.« Abgesehen von den historischen Bezügen, die die Matthias-Wallfahrer beachten und pflegen, spricht Thees von einer »komplett eigenständigen Entwicklung, die in den 80-er Jahren die Jugend in Anrath erfasst hatte; ja, der Reiz des Wanderns und des Pilgerns spiele dabei eine Rolle, ebenso aber auch die schöne, abwechslungsreiche Eifel-Landschaft. Und nicht zuletzt die Herausforderung der rund 240 Kilometer langen Strecke!

Ob sich die Anrather »Pilger-Pioniere« in den 80er Jahren auch haben leiten lassen vom damals schon peu á peu größer werdenden Trend, nach Compostella, zum Grab des hl Jakobus zu pilgern, bleibt im Gespräch mit Thees offen; auch, ob Hape Kerkeling mit seinem Pilger-Buch »Ich bin dann mal weg!« Vorbild für die heute jungen PilgerInnen sei. Vieles spricht aber für Thees’ These, die Anrather Matthias-Bruderschaft sei eine relativ eigenständige Wiederbelebung der uralten Pilgertradition, vor allem, weil Jung und Alt den Weg nach Trier gemeinsam erfahren wollen – sowohl als sportlich-körperliche Herausforderung als auch als Chance, Gemeinsamkeit beim Essen wie beim Beten und Singen erleben zu können. Thees: »Wir sind kein frömmelnder Verein. Es sind Besinnungstage in Gottes freier Natur.«

Wahrscheinlich muss man diese Gemeinschaft auf der Pilgerfahrt nach Trier erlebt haben, um das Faszinierende der Woche nachvollziehen zu können. Wer wird z.B. schon von Mundharmonika-Liedern geweckt, wie sie der Alt- Brudermeister Bartholomäus Thees – inzwischen über 75 Jahre alt – jeden Morgen in den (Turn-)Hallen spielt, wo alle Pilger auf Luftmatratzen oder Isomatten mehr oder minder gut geschlafen haben?

In der Regel machen sich in der Woche, in der Christi Himmelfahrt gefeiert wird, rund 25 Frauen und Männer zu Fuß auf den rund 240 Kilometer langen Weg durch die Eifel bis an die Mosel bei Trier – auf dem Pilgerweg, den schon viele Generationen gegangen sind. Die Anrather Bruderschaft besteht aus rund 250 Mitgliedern; rund 70 sind aktive Pilger. Davon geht ein Drittel die ganze Strecke, die anderen kommen mit dem Bus bis Jünkerath nach und pilgern dann auf den letzten hundert Kilometern – drei Tage – mit den anderen bis Trier. Thomas Wystrach ergänzt, dass eine kleinere Gruppe – überwiegend junge Erwachsene – im Herbst noch einmal nach Trier pilgern – die ganze Strecke zu Fuß und ohne den Service eines Vorbereitungsteams. Für die Rückfahrt nutzen sie die Bundesbahn oder die PKW, die sie auf dem Hinweg »für alle Fälle« begleiten.

Fast alle Pilger sind auch Mitglieder der Matthias-Bruderschaft; andere, die sich – aus welchen Gründen auch immer und mit welchem Gebetbuch auch immer – anschließen wollen, sind gern gesehene Gäste und Mitpilger. Diese ökumenische Grundstimmung zeichnet die Matthias-Bruderschaft aus. Ob es daran liegt, dass ihr weder ein Pfarrer noch ein Kaplan reinredet; dass die Bruderschaft von selbstbewussten Frauen und Männern getragen wird? Johannes Thees lässt die Fragen offen – weil er unausgesprochen weiß, dass die Jugend, die die Idee der Trier-Wallfahrt trägt, konfessionelle Fragen weitaus weniger interessieren als die emotionalen und sprituellen, vielleicht auch religiösen Erfahrungen, die man auf einer solchen Wallfahrt machen kann. Thees: »Wir sind als gläubige Christen unterwegs.« Und sicherlich auch als Freunde, denn die Teilnehmerliste weist aus, dass die meisten schon mehr als zehn Mal nach Trier gepilgert sind und auch dass komplette Familien mitmachen. Und auch wenn die Pilgerei angeblich noch keine Ehe gestiftet hat – ausschließen wollen es weder Thees noch Wystrach.

Vorbereitet wird dieses Unterwegssein von sechs bis sieben Jugendlichen. Sie gestalten – wie schon kurz erwähnt – schon Monate vor der Pilgerreise das gemeinsame Beten und Singen vor, blocken Zeiten zur Reflektion und Stille; unterstützt werden sie durch den Pilgerpfarrer der Trierer Benediktiner, der auch Jahr für Jahr ein Motto für den Weg zum hl. Matthias ausgibt. 2016 hieß es: »Mit Freude umgürtet«. Es ist aber auch Prosa angesagt: Es gibt ein Küchen- und ein Transport-Team, die mit zwei Kleinbussen und einer Bierzeltgarnitur mitfahren, für die Verpflegung am Morgen und Abend (meist Brote) und auch auf der Strecke für Getränke sorgen. Die übrige Arbeit teilen sich alle, erzählt Thees: »An einem Tag spüle ich, an anderen Tag trage ich unser Holzkreuz aus Birkenästen und am Tag drauf bin ich Lektor.«

Anrather Heimatbuch 2017Was vielleicht noch interessiert:

  • Im Internet unter www.trierpilger.de erfährt man noch viel mehr über die St. Matthias-Bruderschaft.
  • Zweimal im Jahr, zur Vorbereitung und Nachbereitung der Pilgertouren treffen sich die Vorsitzenden der Sankt Matthias-Bruderschaften (SMB) mit dem in Trier ansässigen Pilgerpfarrer.
  • Einmal im Jahr – am Sonntag nach Matthias (24. Februar) – findet die Jahreshauptversammlung der SMB in der Anrather Josefshalle statt; zuvor trifft man sich zum Gebet und Gedenken an die Gestorbenen in der Pfarrkirche.
  • Einmal im Jahr findet auch im Bezirk Niederrhein der Bruderschaftstag statt – im November 2016 in Neersen. 2017 werden 200 Trier-Pilger in Anrath erwartet.

(Mit freundlicher Genehmigung des Bürgerverein Anrath e. V. entnommen aus:
»Anrather Heimatbuch 2017«, S. 143-146; Autor: Heinz-Josef Hubert)

SMBWallfahrt


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